The Witcher 2: Schlachten, Sex und Schwertgefechte

 

Ein zernarbter Mönch ermordet die gekrönten Häupter einen nach dem anderen, die einzelnen Reiche streiten und intrigieren um die Vormachtstellung, Elfen und Zwerge werden zu Opfern von Rassismus und Unterdrückung und ein mächtiger Feind rüstet sich zum Angriff. Die Welt des Geralt von Riva, obwohl mittelalterlich und voller Magie, ist kein Märchenreich, sondern düster und voll von der Bosheit des Menschen. Das macht The Witcher 2 zu einem der interessantesten Rollenspiele auf dem Markt.

Der Herr der Ringe hat die klassische Fantasy definiert. Die Guten sind edel, mutig und gutaussehend, die Bösen grausam, verschlagen und hässlich wie die Nacht. Beide Parteien sind sehr leicht voneinander zu unterscheiden. Doch Dark Fantasy funktioniert völlig anders. Auch sie lässt magische Welten zu, doch die größte Gefahr in diesen Welten ist nicht der keulenschwingende Ork, der grunzende Troll oder ein anderes mörderisches Fantasiegebilde, sondern die Gier des Menschen nach Macht und Reichtum. Plötzlich ist es sehr schwierig, zu erkennen, welche Motive die handelnden Figuren antreiben, wer hier gut und wer böse ist.

Der gigantische Erfolg der Fantasyreihe A Song of Ice and Fire von George R. R. Martin zeigt, wie sehr erwachsene Fantasyfans es schätzen, wenn man sie auch als solche behandelt. Das simple Spiel Gut gegen Böse ist out. Mörderische Machtkämpfe, undurchschaubare Charaktere, Tod und Tragik sind in.

The Witcher 2 ist pure Dark Fantasy. Nachdem der Titel bereits vor einem Jahr für den PC erschienen ist, folgt jetzt die Version für die Xbox 360 als Enhanced Edition. In beiden Fassungen fordert dieser Titel den Spieler von Beginn an mit einer komplexen Handlung in einer von Hass und Rassismus zerrissenen mittelalterlichen Welt. Außerdem geht er konsequent gegen eines der letzten großen Tabus der Unterhaltungsindustrie an: Sex in Videospielen.

Geralt von Riva ist ein Witcher, ein Hexer. Die Witcher sind eine Vereinigung, die Kinder sehr früh auswählt und Prozeduren unterzieht, die Mutationen hervorrufen. Nur wenige überleben. Neben den für alle Hexer typischen übernatürlichen physischen Kräften und geistigen Fähigkeiten verdankt Geralt von Riva diesen lebensgefährlichen Vorgängen auch sein charakteristisches Aussehen: schlohweißes Haar und katzenhafte Augen. Diesen tragischen und von zahllosen Schlachten gezeichneten Anti-Helden steuert der Spieler. Nichts an Geralt ist edel, hilfreich und gut. Die Frauen stehen trotzdem auf ihn.

The Witcher 2 beginnt mitten in einer Rebellion. König Foltest, der hervorragend in A Song of Ice and Fire passen würde, belagert die Burg des Rebellen La Valette, und als Berater und Vertrauter des Königs ist Geralt mittendrin und wird zur Schlüsselfigur bei der Eroberung der Burg. Ein kurzer Sieg, denn ein scheinbar übermächtiger Königsmörder geht um. Wie dieser Killer zu Werke geht, zeigt schon das großartige gerenderte Intro des Spiels.

Der Witcher gerät in ein komplexes Geflecht aus Verschwörungen, Intrigen, Anschlägen, Mord und Totschlag. Die Story ist großartig, bietet dramatische Höhepunkte ebenso wie überraschende Wendungen und beschäftigt den Spieler so um die 40 Stunden, was bei konservativer Spielweise mehrere Monate dauern kann. Sehr oft muss der Witcher kämpfen und entweder seine Schwerter oder Magie einsetzen – Fähigkeiten, die der Spieler ausbauen und verstärken kann. Die Steuerung der Kämpfe ist gut gelöst, nur die Kameraführung macht es in einzelnen Situationen schwer, den Überblick zu behalten.

Fantasy-Fans werden an den herausragenden Dialogen, den vielen Entscheidungen, ihren Einflüssen auf die weitere Handlung und den großartigen und atmosphärisch dichten Einzelmomenten des Spiels noch mehr Freude haben als an den Gefechten. Viele Figuren wirken dreidimensional, ihr Handeln und ihre Motive sind verständlich und glaubwürdig. In schönen Momenten der Ruhe sitzt Geralt mit Kampfgefährten in einer Taverne und diskutiert über das aktuelle Geschehen. Oder er versackt bei einem Trinkspiel und wacht mit einem Filmriss wieder auf. Mit solchen Episoden gelingt dem Drehbuch die Ballance zu den tragischen Ereignissen der Haupthandlung, in der Geralt den Mörder der Könige jagt.

Die Entscheidungen, die der Spieler in den drei Akten von The Witcher 2 trifft, prägen den Verlauf und führen zu einem von 15 möglichen Enden. Spieler der Konsolenfassung sind hier klar im Vorteil, denn die Enhanced Edition präsentiert mehr Quests, Figuren und Dialoge als die ein Jahr alte PC-Version.

Fazit: Für Fans von Rollenspielen und generell atmosphärisch dichten und inhaltlich herausfordernden Titeln ist The Witcher 2 trotz aller Tragik und Düsternis ein Festival der guten Laune. Jörg Pistorius

The Witcher 2: Entwickler CD Project Red, Publisher Namco Bandai, neu erschienen für die Xbox 360, frei ab 16 Jahren.

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