Wii U: Mario und die Zombies

Die Wii U ist da – die erste Konsole der 8. Generation in der Videospiel-Industrie.  Mein Fazit nach einem ausführlichen Test: Der Start war lahm, aber die Kiste hat Potenzial. Jede Menge.

Seit dem Verkaufsstart am 30. November interessiert, fasziniert und polarisiert Nintendos neue Videospielkonsole, die trotz unbestreitbarer Qualitäten technisch mit den wesentlich älteren Konkurrenzprodukten Xbox 360 und Playstation 3 nur mühsam Schritt halten und auch ein bislang noch eher bescheidenes Spieleportfolio präsentiert, dessen einziges herausragendes Element der Ab-18-Titel ZombiU ist – ein Survival-Titel der härteren Art mit Horror, Schocks und Zombies.

Die Innovationsexplosion der Wii hat Nintendo mit der Wii U nicht wiederholt, aber es wäre auch vermessen, das zu erwarten. Kann Nintendo überzeugte Core-Gamer von den Sony- und Microsoft-Maschinen weglocken? Nein, danach sieht es im Moment nicht aus. Kann Nintendo langjährige Wii-Gamer davon überzeugen, nicht zur Konkurrenz zu wechseln, sondern auf eine Wii U umzusteigen? Ja, diese Chance besteht.

Aber um sie zu nutzen, braucht die Maschine mit dem Tablet-Controller optisch und strukturell starke Spiele. Diese gibt es zwar, aber entweder sind sie Portierungen von Erfolgsspielen, die schon lange bei der Konkurrenz erschienen sind (Batman Arkham City, Fifa 13, Mass Effect 3, Darksiders 2, Assassin’s Creed 3) oder Neuauflagen typischer Nintendo-Stärken (New Super Mario Brothers U). Das zurzeit einzige wirklich Wii U-exklusive Spielerlebnis ist ein Horror-Trip im zombieverseuchten London mit einem haarsträubend hohen Schwierigkeitsgrad: Zombi U. Ein wirklich starker Titel und momentan der einzige, der die Möglichkeiten des Tablet-Controllers sehr gut nutzt und diesen vom Steuergerät zum atmosphärisch eingebundenen Spielelement befördert. Dazu mehr im Kapitel „Die Spiele“.

Die Technik

Das Herz der Wii U ist ein Tri-Core-Prozessor mit dem Namen „Espresso“. Die drei Kerne sind mit 1,24 Gigahertz getaktet. Der Grafikprozessor stammt vom AMD, hört auf den dazu passenden Namen „Latte“ und läuft mit 550 Megahertz. Der Arbeitsspeicher der Wii U umfasst zwei Gigabyte, die Hälfte ist für das Betriebssystem reserviert. Die Konsole hat vier USB-Ports und liefert über HDMI eine Auflösung von bis zu 1080 p auf den Flachbildfernseher. Das sind stabile, aber keineswegs herausragende Basiswerte, mit denen Sony- und Microsoft-Spieler bereits seit Jahren vertraut sind. Während die Xbox 360 und die Blu rays abspielende Playstation 3 auch als Heimkinozentrale genutzt werden können, liest die Wii U keine DVDs.

Das Gamepad

Das Steuergerät der Wii U sieht aus wie ein Handheld oder Tablet und wird dominiert vom 6,2 Zoll großen Touchscreen-Display, das eine Auflösung von 840 mal 480 Pixeln anbietet. Der Rest ist Standard: zwei Analogsticks, ein Steuerkreuz, eine Vier-Tasten-Kombi, zwei Trigger, zwei Schultertasten. Das Display lässt das Wii U Gamepad wesentlich sperriger in der Hand liegen als die Controller von Xbox 360 und Playstation 3. Sein geringes Gewicht ist dabei ein klarer Pluspunkt, auch längere Sessions lassen normal gebaute Spielerhände nicht ermüden. Sticks und Buttons sprechen gut und präzise an.

Das Display kann den normalen Bildschirminhalt übernehmen und wiedergeben, New Super Mario Brothers U lässt sich so mit grafischen Qualitätsverlusten auch auf dem Controller spielen. Doch das ist natürlich nicht Sinn der Sache. Der Touchscreen soll zum Spieleelement werden und das visuelle Erlebnis auf dem Hauptbildschirm erweitern. Eine schwierige Aufgabe, der Spieler muss seine Aufmerksamkeit vom Fernseher lösen und runter auf den Controller schauen. Das bringt in hektischen Situationen Stress, aber der ist dann vielleicht gewollter Teil des Spieles. Siehe Zombi U.

Online

Das muss jeder Käufer einer Wii U erst einmal schlucken: Die Onlinefähigkeit seiner Konsole lässt sich erst nach der Inbetriebnahme durch einen Patch in Gigabytegröße herstellen. Spielen kann man natürlich auch offline und ohne Kontakt zu einem WLAN-Netz, doch davon will der Gamer im Jahr 2013 verständlicherweise nichts wissen. So heißt es erst einmal: Hab Geduld.

Nintendos Onlinewelt heißt Miiverse und ist eine Art soziales Netzwerk. Einkaufen kann der Spieler im eShop, dort findet er Indie-Spiele ebenso wie Vollpreistitel. Mitteilen kann man sich im Wii U Chat. Ein Standard-Angebot, dass auf Xbox live und dem Playstation Network seit Jahren zur Verfügung steht.

Die Spiele

Das Portfolio der Wii U kann sich sehen lassen – wenn man es isoliert von der Spieleindustrie betrachtet. Der Spieler findet einige großartige Titel in brillanter optischer und struktureller Qualität. Er darf sich dabei aber nicht daran stören, das diese Titel schon seit Monaten für die Konkurrenzkonsolen vorliegen. Ich habe mehrere vielversprechende Spiele zum Test ausgewählt. Richtig begeistert war ich nur einmal, angenehm zufrieden mehrmals, richtig enttäuscht ebenfalls einmal.

Assassin’s Creed III (Ubisoft, ab 16 Jahren)
Ubisofts Blockbuster ist ein gigantisch gutes Actionspiel mit hohen Schauwerten und einer mitreißenden Mischung aus der Historie des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und dem Kampf des Assassinen Connor (und seines Nachfahren Desmond in der Gegenwart) gegen den Erzfeind, die Templer. Ein klarer Pflichttitel, der jedoch nicht besser und in manchen Situationen sogar schlechter aussieht als auf der Xbox 360, der Playstation 3 und dem PC.

New Super Mario Brothers U (Nintendo, keine Altersbeschränkung)
Mario? Mario! Der springende Klempner gehört zu Nintendo wie Uli Hoeneß zu Bayern München. Es ist nicht wirklich überraschend, dass ein Mario-Titel zum Startpaket der Wii U gehört. Wie so oft findet der Spieler hier ein brilliantes und stellenweise geniales Jump’n’Run, dessen motivierende und komplexe Struktur über Monate begeistern kann.

Mass Effect 3 (Electronic Arts, ab 16 Jahren)
Biowares Weltraumsaga ist eines der besten Rollenspiele aller Zeiten. Die Teile 1 und 2 waren der Microsoft-Community vorbehalten, erst das große Finale steht auch Sony und Nintendo offen. Die Reaper greifen die Erde an. Commander Shepard muss die freien Völker zu einem schlagkräftigen Macht vereinen und so den übermächtig scheinenden Vernichtern entgegentreten.  Mass Effect 3 ist die Chance für Nintendo-Enthusiasten, ihren Rollenspiel-Horizont über Zelda hinaus auszuweiten. Grafisch hält die Wii U mit Xbox 360 und PS3 mit, kann sie aber nicht übertreffen.

Batman Arkham City (Warner Bros., ab 16 Jahren)
Die Fakten wiederholen sich: Auch Arkham City ist ein Multiplattformtitel, den Xbox- und Playstationgamer seit Monaten kennen. Auch Arkham City ist hervorragend auf die Wii U umgesetzt und sieht dort ebenso gut aus wie bei der Konkurrenz. Auch Arkham City ist ein großartiger Actiontitel. Hier haben die Entwickler das Gamepad ins Spiel integriert: Der Spieler steuert die typischen Batman-Gadgets über den Controller und hat damit wirklich das Gefühl, in die Spielwelt einzugreifen.

Fifa 13 (Electronic Arts, keine Altersbeschränkung)
Die einzige Enttäuschung im Testfeld. Fifa 13, ein grundsätzlich geniales Sportspiel, ist auf der Wii U optisch klar schwächer und im Umfang geringer als die Versionen für Xbox 360, Playstation 3 und PC.

Zombi U (Ubisoft, ab 18 Jahren)
Yeah! So, und zwar genau so sollte ein Horror-Titel wirken. Zombi U setzt mich als Überlebenden einer Zombieapokalypse in London ab. Jeden Schritt, jede Spielminute muss ich mir hart erkämpfen, denn die Untoten sind überall und mordsgefährlich. In First-Person-Perspektive steuere ich meine Figur durch Missionen, die mir der „Prepper“ per Funk durchgibt. Welche Absicht der anonyme Lenker dabei verfolgt, erfahre ich lange nicht – und will es auch gar nicht wissen. Denn Überleben ist das einzige, was zählt. 

Munition ist rar, Waffen sind selten. Mein ständiger Begleiter ist ein Cricket-Schläger.  Hinter jeder Ecke, in jedem Raum können die nächsten Zombies lauern. Wer nicht mit äußerster Vorsicht vorgeht, wird gebissen, zerrissen, überwältigt – und die Spielfigur ist damit verloren, ebenso wie die bis dahin gesammelten Charakterwerte und Ausrüstungsteile. Stirbt der Charakter, fange ich mit einer neuen Figur wieder am Startpunkt des Spiels, dem Safehouse des Preppers, an. Immerhin: Alle bis dahin erreichten Missionserfolge bestehen weiterhin. Nur die Ausrüstung ist weg und bleibt es auch. Es sei denn, ich finde meinen früheren und zum Zombie mutierten Charakter und kann ihm den Rucksack, den er immer noch trägt, abnehmen. Sterbe ich, bevor mir das gelingt, ist die Ausrüstung verloren.

Der hohe Schwierigkeitsgrad – die Zombies machen kurzen Prozess – verstärkt die Horror-Wirkung. Mit hohem Puls quäle ich mich durch dunkle Gänge und zerstörte Teile von London, immer in höchster Alarmbereitschaft. Die matschigen Texturen ärgern zwar den Gamer in mir, aber auch der will überleben, schiebt diese Bedenken deshalb beiseite und hält lieber die Augan nach Zombies offen. Jeder Fehler wird sofort und brutal bestraft. Das Gamepad ist Teil des Spielerlebnisses und wird zum Funkgerät, aus dem die Stimme des Preppers kommt, und zum Umgebungsscanner, der nach Waffen und Lebensmitteln sucht und Türen analysiert. Grandios: Nutze ich den Scanner und sehe auf das Gamepad-Display, zeigt der Hauptbildschirm meine Figur beim Nutzen des Scanners. Fällt in der Sekunde ein Zombie über mich her, bin ich hilflos und verloren.

Zumbi U ist ein Must-Have und auch für Core-Gamer aus den Reihen von Sony und Nintendo ein Grund, mal einen Blick auf die Wii U zu werfen. Der bisher einzige Grund. Ein Zombiegemetzel als Kaufanreiz einer Nintendo-Maschine – wer hätte das jemals erwartet? Jörg Pistorius

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