Far Cry 3: Der Wahnsinn des Kriegers

Die Rakyat-Shamanin Citra: Ein echter Hingucker.

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Hoppla, was kommt denn da?

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Auch der Pfad des Gerechten kann in Blutrausch und Wahnsinn enden. Nun sind Blutrausch und Wahnsinn keine seltenen Elemente eines Shooters, aber Far Cry 3 ist anders. In seiner Konsequenz und Kompromisslosigkeit. In seiner sarkasmusgeprägten Selbstreflexion als Ballerorgie. Und in seiner tollen, bunten, grafisch großartigen und offenen Spielwelt.

Jason Brody ist zu Beginn das typische Opfer, wie es uns viele B- und C-Horror-Filme schon präsentiert haben. Er gehört zu einer Gruppe reicher College-Kids auf der Suche nach dem Adrenalin-Kick. Die Schicken und Schönen springen per Fallschirm über einer paradiesischen Südseeinsel ab, auf der nur leider neben Bären, Tigern, Leoparden und Komodo-Waranen eine Armee mörderischer Psychopathen wohnt, die gerne ungestört ihre lukrativen Geschäfte mit Waffen, Drogen und weltweitem Sklavenhandel betreiben würden. Far Cry 3 beginnt wie ein typischer Horrorfilm. Die Kids werden gefangen und in Käfige gesperrt, Folter und Tod stehen bevor.

Doch Grant, Army-Veteran und der typische ältere Bruder, verhilft Jason zum Ausbruch, wird dabei aber von den eben erwähnten Psychopathen getötet. Verdammt, denkt der Spieler, der schon mit einer Übernahme des kampferprobten Grant gerechnet hat. Nein, Weichei Jason soll es sein. Ihn steuern wir durch das höllische Tropenparadies und durch eine Story, die einen Film wert wäre.

Far Cry 3 funktioniert als Spiel auf mehreren Ebenen. Nummer eins: der Shooter. Von der Schrotflinte zum Flammenwerfer, vom Bogen bis zum Hi-Tech-Scharfschützengewehr hat Jason ein Arsenal zur Verfügung, das jede im Spiel denkbare Vorgehensweise vom lautlosen Anpirschen bis zur radikalen Volle-Kraft-Voraus-Attacke unterstützt. Die Mechanik des Spiels unterstützt und fordert die dadurch ermöglichte Flexibilität auch ein. Simples Drauflosballern endet im frühen Ableben Jasons. Die Gegner reagieren erfreulich aktiv und bestrafen Fahrlässigkeit und mangelnde Vorsicht vor allem in der höchsten Schwierigkeitsstufe sofort.

Ebene Nummer zwei: die Welt des Spiels. Far Cry 3 bietet dem Spieler zwar nur eine kleine Inselgruppe an, die allerdings eine athmosphärische Dichte besitzt, die keine gängige Shooter-Map erreichen kann. Dschungel, Berge, Strände, Ruinen, Tempel, Höhlen, Haie und Krokodile im türkisblauen Wasser – wie bereits im Rollenspielhit Skyrim macht hier allein schon das Spazierengehen jenseits aller Missionen und Ballereien enormen Spaß. Far Cry 3 fördert das Erforschen und Ausprobieren der offenen Welt. Wobei auch der friedlichste Spaziergänger den Finger am Abzug haben sollte. Er könnte einem Tiger begegnen. Oder einem anderen mordsgefährlichen Vieh. Besonders die Warane sind fies.

Abseits der Story kann Jason gefährliche Tiere jagen und häuten. Nur so lässt das Spiel die Aufwertung der Ausrüstung zu. Wer den Tieren kein Haar krümmen will, darf nicht mehr als eine Waffe mit sich führen, denn nur Häute und Felle ermöglichen die Aufwertung der Tragegurte. Jason kann die Stützpunkte der Psychopathen angreifen und für die Rakyat einnehmen. Sehr gut: Hier kann der Spieler völlig frei experimentieren, um die Lager herumschleichen und jede Menge Taktiken testen. Quasi ein Spiel im Spiel.

Ebene Nummer drei: die Story. Grant ist tot, Jason ist frei, doch der Rest der Gruppe – Grants Freundin Daisy, Jasons Freundin Liza und sein kleiner Bruder Riley – sind noch in der Hand der Psychopathen, angeführt von Monstern in Menschengestalt wie dem Iro tragenden Narbengesicht Vaas und dem Oberboss Hoyt, der an Al Pacino in Scarface erinnert. Die Befreiung ist deshalb Jasons tragende Motivation für die Gefechte mit den Bösen – zu Beginn. Doch die Lage ändert sich.

Jason lernt die Rakyat kennen – ein Kriegerstamm, der schon auf den Inseln lebte, bevor die Psychopathen kamen. Um überhaupt eine Chance zu haben, schließt sich Jason den Rakyat an und erhält ein Tatau – ein Tatoo auf dem linken Arm, das im Einklang mit Jasons dreistufigem Skilltree immer größer und komplexer wird.

Doch je länger Jason kämpft, je mehr Missionen er erfüllt und je mehr Gegner er ersticht, umnietet oder in die Luft sprengt, umso mehr verliert er sein eigenes Ich und seine grundsätzliche Persönlichkeit aus den Augen. Der Collegeboy wird zum Stammeskrieger und auch zur Killermaschine. Klasse, Ubisoft: Selten traut sich ein Entwickler, so offensiv zu fragen, wie sich das Eliminieren hunderter Gegner – so viele kommen in einem Shooter locker zusammen – auf die Psyche der gespielten Figur auswirkt. Spec Ops: The Line hat es 2012 auch so gemacht und wurde dafür zurecht gefeiert.

Am Ende steht Jason vor einer extremen Entscheidung. Far Cry 3 kann auf zwei Arten enden. Ohne zu spoilern, kann ich verraten: Wer die falsche Entscheidung trifft, wird vor Wut platzen, weil er eine starke Story im totalen Verlust enden lässt. Jörg Pistorius

  • Far Cry 3: Entwickler Ubisoft Montreal, erschienen für Xbox 360 (getestet), Playstation 3 und PC, frei ab 18 Jahren.
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