Hitman Absolution: Der perfekte Killer

Hitman

Sein Name? Er hat keinen. Markenzeichen? Schwarzer Anzug, roter Schlips und der gnadenloseste Gesichtsausdruck der Spieleindustrie. Schwächen? Unbekannt. Nennen wir ihn einfach 47 – oder den Hitman. Ein als perfekter Killer programmierter Klon, der seine Zielobjekte mit tödlicher Präzision aufspürt, observiert und ausschaltet. Immer vorausgesetzt, der ihn lenkende Spieler bringt die notwendige Geduld, Umsicht und Kreativität mit, die jeder Level des großartigen Hitman: Absolution fordert und belohnt.

Chinatown ist ein Hexenkessel, die Massen feiern das chinesische Neujahr. Die Straßen und Gassen sind voller Menschen, die das krachende Feuerwerk bewundern, sich unterhalten, mit ihren Handys telefonieren  oder sich um die Essstände scharen, deren Verkäufer lautstark ihre Waren anpreisen und ihre Kunden bedienen. Der Level ist ein Erlebnis, und es ist ein reines Vergnügen, einfach nur durch dieses vitale und bunte Setting zu wandern. Und genau das fordern und fördern die Entwickler IO Interactive. Denn mittendrin in diesem Getümmel befindet sich meine Zielperson, die ich zuerst mal finden und dann ausschalten muss. Und zwar so, das es optimalerweise niemand merkt und das Ganze wie ein Unfall aussieht. Um dieses Ziel zu erreichen, muss ich wandern, beobachten, registrieren – und dann eine Kette von Ereignissen in Gang setzen, die mit dem Ableben des Zieles und meinem unbeobachteten Abgang von der Bühne endet.

Meine beiden schallgedämpften Waffen kann ich knicken, ein derart rabiater Anschlag wäre viel zu auffällig, würde meine Flucht unmöglich machen und mir in der Endauswertung des Levels jede Menge Minuspunkte einbringen. Hitman: Absolution will keine Ballermänner in Aktion sehen, sondern lautlose Attentäter, die an allen Wachen und Hindernissen vorbeischleichen, wie Geister zuschlagen und die vielen Elemente der Spielwelt nutzen, die die Entwickler ihnen bieten. Und die man auch findet, wenn man genau hinschaut.

Ruhig und methodisch durchstreife ich den Level, höre zu und observiere, finde dabei heraus, dass meine Zielperson auf eine Drogenlieferung wartet, finde diese versteckten Drogen, ergänze sie mit einem unterwegs gestohlenen tödlichen Sushi-Kugelfisch – und schon geht der gute Mann über den Jordan, als er seinen Stoff einwirft. Optimal, sagt mir das Spiel in der Auswertung. Keiner hat dich gesehen, niemand ahnt, dass dies ein Attentat war. Alle glauben an eine Überdosis. Auftrag erfüllt.

So läuft Hitman: Absolution ab. Wer will, darf ballern. Doch das macht keinen Spaß. Das Spiel ist kein Shooter. Jeder Level birgt Elemente und Zusammenhänge, die man wie im Fall mit den Drogen und dem Sushi-Fisch zu seinem Vorteil kombinieren kann. Man findet diese Zusammenhänge allerdings nur dann, wenn man den Level genau analysiert und die Zielpersonen beobachtet. Was tun sie, mit wem reden sie, wo gehen sie hin? Was befindet sich um sie herum? Wer präzise genug plant, kann Kettenreaktionen in Gang setzen und dann aus sicherer Distanz die unterhaltsamen Todesarten der Ziele beobachten. Ob in Chinatown, in einem schönen alten US-Städtchen, in gigantischen Fabrikanlagen oder in einem Stadion voller tobender Menschen – der Hitman hat immer Chancen, unerkannt und unbeobachtet zuzuschlagen und wieder zu verscheinden wie ein tödlicher Schatten.

Nun könnte ein gnadenloser Killer als Hauptfigur eines Spiels wieder zum Schwingen der Moralkeule aufrufen. Doch bei aller Gnadenlosigkeit ist 47 eine gute Identifikationsfigur. Seine Zielpersonen sind allesamt schlechte und böse Menschen, Mörder und Kriminelle. Und sein Ziel, das alle Level zu einer Story verbindet, ist die Aufklärung eines Komplotts und die Rettung eines unschuldigen Mädchens. Damit kann man leben – und sterben lassen. Und völlig frei von jeder Moral sind der Hitman und sein Spiel auch gar nicht. Nur die Zielperson darf dran glauben. Jeder weitere Todesfall – von der umherstreifenden Wache bis zum zivilen Kollateralschaden – wird mit massivem Punktabzug bestraft. Lösbar sind die Level dann trotzdem noch. Aber das Spiel sagt mir dann: Du bist mehr ein Randale als ein Geist. Lern dein Handwerk.

Hitman: Absolution ist ein großartiger Titel für experimentierfreudige Perfektionisten. Die Level sind eher kurz, bergen aber zahllose Möglichkeiten, das jeweilige Ziel zu erreichen. Um die optimale Bewertung „Silent Assassin“ zu erreichen, muss einfach alles stimmen – und die Motivation ist enorm hoch. Absolution ist das fünfte Spiel um den Killer mit der Glatze, und mit großem Abstand auch das beste. Absolute Empfehlung. Jörg Pistorius

  • Hitman Absolution: Publisher Square Enix, Entwickler IO Interactive, erschienen für Xbox 360 (getestet), Playstation 3 und PC, frei ab 18 Jahren.
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