Bioshock Infinite: Himmlische Unschuld, höllischer Zorn

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Eine Stadt im Himmel voller mörderisch frommer Fanatiker, die Bedrohung der Unschuld, Rassismus, die bösen Teile der jungen amerikanischen Geschichte – Bioshock Infinite ist ein visuell und emotional berauschendes Erlebnis. Der Spieler sieht und staunt. Dazu hat er viel Zeit und Gelegenheit, denn als Shooter ist der Titel keine ernsthafte Herausforderung.

Wir schreiben das Jahr 1912. Häuser schweben scheinbar auf Wolken. Die gesamte Skyline ist in ständiger Bewegung, manche Betrachter werden einen leichten Schwindel spüren. Riesige Statuen ragen in den Himmel. Columbia heißt dieser Ort. Kaum hat Bioshock Infinite mich dort abgesetzt, will ich sehen, hören und erkunden. Ich will den Bürgern der Wolkenstadt zuhören, die Läden und Sehenswürdigkeiten besuchen, mit der Sky Rail fahren. Ich will schlicht wissen. Was ist Columbia, wie ist diese Stadt entstanden, wer hat sie entstehen lassen? Eine ideale Ausgangssituation für ein Rollenspiel oder auch ein Adventure alter Schule, doch Bioshock Infinite ist ein Shooter. Deshalb muss ich bereits kurz nach meiner Ankunft damit beginnen, die Reihen der Polizei Columbias radikal zu dezimieren.

Denn für die Columbianer bin ich eine Art Antichrist. Sie nennen mich den falschen Hirten – den Gegenpart zu ihrem fanatischen Anführer Comstock, den sie den Propheten nennen.  Comstock hält das Mädchen Elisabeth in einem Hochsicherheitstrakt gefangen. Ich hole sie raus, denn deshalb bin ich in Columbia. Befreie das Mädchen, und alle Schuld ist beglichen, haben mir meine unbekannten Auftraggeber gesagt.

Alle Streitkräfte Columbias wollen mich natürlich an Elisabeths Befreiung hindern. Sie schaffen es nicht. Doch überhaupt: Elisabeth. Sie sieht aus, als komme sie aus einer britischen Eliteschule für höhere Töchter. Sie ist hochintelligent und gleichzeitig naiv, weiß offenbar nichts vom Bösen in der Welt. Ständig stellt sie mir Fragen, die ich nicht beantworten kann. Warum muss ich kämpfen und töten? Sie weiß zum Glück nichts über mich, Booker DeWitt, den Ex-Soldaten, der am Wounded Knee mit dem Angriff auf unbewaffnete Indianer ewige Schande auf sich geladen hat.

Die emotionale Bindung mit einer großartigen Figur wie Elisabeth und die enormen Schauwerte in Columbia heben Bioshock Infinite aus der Masse sehr guter Action-Titel heraus. Die Kämpfe dagegen sind Routine. Shooter-Veteranen werden durch Comstocks Streitkräfte hindurchgehen wie der Wind durch ein Weizenfeld. Abwechslung bieten die sogenannte Kräfte.  Nach und nach schalten sich magische Sonderattacken frei: Feuerbälle und Energiebltze, aber auch – ein cooler Effekt – ein Schwarm mörderischer Killerkrähen stehen neben den üblichen Pistolen, Karabinern, Schrotflinten und Panzerfäusten zur Verfügung.

Bioshock Infinite wagt sich an heikle Themen heran. Religiöser Fanatismus und Rassismus gehören ebenso dazu wie die offene Überzeichnung des American Way Of Life. Shooter mit einer derartigen inhaltlichen und atmosphärischen Stärke sind selten. Der Entwickler, Irrational Games aus Boston, setzt auf Reflexionen des Spielers. Die Hölle im Himmel – dieser Titel ist zweifellos großes Kino und erweitert die gewohnte Definition eines Shooters gewaltig. Jörg Pistorius

  • Bioshock Infinite: Entwickler Irrational Games, Publisher Take Two Interactive. Erschienen für Xbox 360 (getestet), Playstation 3 und PC. Frei ab 18 Jahren.
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