In Los Santos ist die Hölle los

Michael

Ein Videospiel wird zum Leitmedium der Unterhaltungsindustrie. Bereits am Tag des Verkaufsstarts am 17. September erzielte Grand Theft Auto 5 einen Umsatz von 800 Millionen Dollar, zwei Tage später war die Milliardenmarke geknackt. Noch nie hat ein Unterhaltungsprodukt so schnell so viele Kunden gewonnen. 

Die Stadt heißt Los Santos. Sie ist ein virtuelles Ebenbild des realen Los Angeles mit allen Details, darunter die Filmfabrik Hollywood, nur heißt sie hier Vinewood, Novelviertel, Hochhäuser und Traumstrände, strahlende Neonlichter downtown und finstere Ecken. Los Santos ist so groß, dass der Spieler mit einem geklauten Learjet fast eine Stunde braucht, um das gesamte Spielgebiet abzufliegen.

Solche Aktionen – zum Flughafen rasen, das Rollfeld entern, einen Flieger stehlen – sind in Los Santos die Regel. Die virtuelle Metropole ist die Bühne eines interaktiven Gangsterfilms, der in seiner gnadenlosen Konsequenz und zwerchfellerschütternden Ironie von Quentin Tarantino stammen könnte, und gleichzeitig ein gigantischer Spielplatz mit Banküberfällen, Verfolgungsjagden und Explosionen. Tennis spielen kann man zwischendrin übrigens auch.

GTA 5 bietet eine filmreife Story um die drei Charaktere Franklin, Michael und Trevor, deren Ebenen sich im Spielverlauf immer wieder berühren und schließlich zum Finale zusammenlaufen. Der Spieler darf Autos, Motorräder und Flugzeuge klauen und damit hemmungslos durch die Stadt rasen und fliegen, wird in bombastische Schießereien verwickelt oder entspannt sich mal. Golf? Eine Runde Yoga? Ein Abstecher in den nächsten Stripclub? Kein Problem.

Hinter jeder Ecke von Los Santos lauert der schwarze Humor der Entwickler, die den Medienkonsum und generell den American Way of Life aufs Korn nehmen. 250 Millionen Dollar hat die Produktion von Grand Theft Auto 5 gekostet – eine Investition, die sich gelohnt hat.

In den Verkaufscharts des Internethändlers Amazon taucht GTA 5 nicht weniger als viermal in den Top 10 auf. Das Spiel erschien am 17. September für Xbox 360 und Playstation 3. Die Playstation-Version stand lange auf Platz eins und wurde von der Fußballsimulation Fifa 14 auf Rang zwei verdrängt. Die Version für die Xbox 360 folgt auf Platz vier, das Lösungsbuch auf sechs und die Special Edition für die Playstation 3 auf acht.

Die Erfolgsgeschichte begann 1997. DMA Design, die 2001 zu Rockstar North wurden, veröffentlichten das 2D-Spiel Grand Theft Auto, in dem ein namenloser Protagonist in einer Großstadt eine Verbrecherkarriere anstrebt. Dazu kann er Aufträge annehmenund in der Verbrecherhierarchie aufsteigen. Das klingt ernst, wird jedoch überspitzt und mit viel schwarzem Humor präsentiert. Teil drei, erschienen 2001, und seine Ableger Vice City und San Andreas verlegten das Geschehen von der Vogelperspektive in eine lebendige 3D-Welt. Teil vier wurde 2008 weitweit zum Megahit und machte Grand Theft Auto zur erfolgreichsten Spieleserie der Welt.

Die Immersion in die virtuelle Welt ist eine der zentralen Stärken der Grand-Theft-Auto-Serie. Nur für dieses Spiel erschaffene und satirisch überspitzte Radiosender und Fernsehshows unterhalten den Spieler in den Kampfpausen – ebenso wie eine Internet-Parodie und ein virtueller Börsenhandel.

Michael, der cholerische Mafioso, will die Nachrichten sehen. Die Handlung des Spiels verlangt es von ihm. Also verscheucht er seine kreischende Teenie-Tochter vom Fernseher im Wohnzimmer – und hält inne. Töchterchen hat sich die Castingshow „Fame or Shame“ (Ruhm oder Schande) angesehen. Und die ist doch ganz spannend. Der Spieler und damit auch Michael vergessen kurz das aktuelle Spielziel und sehen sich die Show an. „Fame or Shame“ ist ein böser und zum Brüllen komischer Zwilling von Castingperlen wie Deutschland sucht den Superstar.

Diese Momente der Entschleunigung bietet GTA 5 ständig. Der Spielfluss wird dadurch nicht gestört. Das Spiel wartet geduldig, bis der Spieler seine Show gesehen, seinen Sender gehört oder seine Internetsitzung beendet hat. Wer abends mal keine Lust auf Banküberfälle oder Drogendeals hat, kann in Los Santos auch ein Kino besuchen und wird dort Kurzfilme sehen.

Wer die notwendige Risikobereitschaft besitzt, kann sein virtuelles Kapital auch an der ebenso virtuellen Börse riskieren. Das kann klappen oder gewaltig schief gehen. Die Werte und Bewegungen der Kurse richten sich nicht nach einem systemgesteuerten Zufallsprinzip, sondern nach den Reaktionen und Käufen der Spieler.

Das Radioprogramm von Los Santos ist natürlich ebenfalls virtuell. Dennoch würde es Stunden dauern, es komplett zu hören. Vom Sound der Straße auf Radio Los Santos über die Welt des Pop auf Non Stop Pop FM und heiße Tanzmusik auf FlyLo FM bis zu Funkrhythmen auf Space 103.2 reicht das Programm, das den Spieler in seinen geklauten Autos unterhält.

Fazit: Es ist unerheblich, ob man GTA-Fan ist oder diesen Hype ablehnt. Das Werk von Rockstar wird als eines der besten Spiele der noch aktuellen Konsolengeneration in Erinnerung bleiben. Jörg Pistorius

  • Grand Theft Auto 5: Veröffentlicht von Rockstar Games, entwickelt von Rockstar North. Erschienen für Xbox 360 (getestet) und Playstation 3. Frei ab 18 Jahren. Und zwar völlig zu recht.
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